Volker Wieland warnt vor einseitiger Fokussierung bei Inflationsentwicklung

30.01.2017

Angesichts der Inflationsentwicklung in Deutschland zu Jahresbeginn warnt Prof. Volker Wieland vor einer zu einseitigen Fokussierung auf den Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI). Ein Blick auf andere Inflationsmaße zeige, dass "die Inflationsrate bereits in den vergangenen drei Jahren um die 2 Prozent" zugelegt habe. Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) hält Wieland im aktuellen konjunkturellen Umfeld für nicht angemessen.

„Die Verbraucherpreisinflation steigt in Deutschland im Januar 2017 auf 1,9%. Das ist der höchste Wert seit Mitte 2013. Zwischenzeitlich war die Änderungsrate der Verbraucherpreise bis Anfang 2015 knapp unter null Prozent gefallen. Diese Entwicklung war jedoch hauptsächlich durch die Rückgänge bei den Energiepreisen getrieben. Insbesondere der Ölpreis ist wiederholt tief eingebrochen. Zuletzt kam es bei den Energiepreisen Ende 2015 und Anfang 2016 zu Rückgängen. Dementsprechend ist ein Teil des derzeitigen Inflationsanstiegs im Vergleich zum Vorjahr auf den Basiseffekt zurückzuführen.

Allerdings ist die Kerninflation, also die Änderungsrate der Verbraucherpreise ohne Energie und Nahrungsmittel, schon seit Jahren deutlich positiv. 2016 schwankte sie im Jahresverlauf zwischen 0,7% und 1,3%. Nun schlägt sich die Kernrate wieder deutlicher im Gesamtindex nieder. Die Wohnungsmieten nehmen übrigens schon um 1,6% zu.

Die einseitige Fokussierung auf den Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) ist allerdings recht problematisch. Das Mandat der Preisstabilität ist für die Europäische Zentralbank auch mit der Verpflichtung verbunden, die Gesamtheit der Preismaße im Blick zu behalten: Nimmt man die Preise aller in Deutschland produzierten Güter und Dienstleistungen in den Blick, die mit dem BIP-Deflator gemessen wird, so lag die Inflationsrate bereits in den vergangenen drei Jahren um die 2 Prozent. Dementsprechend ist weiterhin mit entsprechend höheren Inflationsraten in Deutschland zu rechnen. Die Entwicklung im Euro-Raum fällt etwas schwächer aber ähnlich aus. Die Kernrate schwankt seit langem um 1 Prozent, während der Gesamtindex zuletzt im Dezember wieder auf 1,1 Prozent gestiegen ist.

Vor diesem Hintergrund lässt sich die zusätzliche geldpolitische Lockerung durch umfangreiche Anleihekäufe, die die EZB im Dezember 2016 beschlossen hat, nur schwer rechtfertigen. Die EZB sagt selbst, die Geldpolitik sollte nicht auf die Energiepreise reagieren. In diesem Fall wären aber schon die geldpolitischen Lockerungsmaßnahmen in 2015 und 2016 nicht in Betracht gekommen. Die EZB sollte dringend umsteuern und den Ausstieg aus der quantitativen Lockerung vorbereiten. Es hilft in dieser Situation nicht, plötzlich neue Kriterien zu definieren.“

 

s. auch "Deutsche Inflation befeuert Debatte über EZB-Niedrigzinspolitik" (Reuters via "Börse Online")