"Die Rolle von Geldpolitik und makroprudenzieller Politik" (Vortrag)

Die Ziele, Instrumente und Referenzregeln in Geld- und makroprudenzieller Politik und Forschungsergebnisse des IMFS haben Prof. Volker Wieland, Matyás Farkas, Philipp Lieberknecht und Prof. Tobias Tröger in einem gemeinsamen Vortrag auf der Stiftungskonferenz der Stiftung Geld und Währung zur anhaltenden Niedrigzinsphase und den Herausforderungen für den Finanzmarkt vorgestellt.

Kurzfassung der Vortrags:

Das Mandat der Geldpolitik ist es, die Preisstabilität zu sichern, während die makroprudenzielle Politik auf die Stabilität des Finanzsystems als Ganzes zielt. Selbstverständlich nimmt die Geldpolitik auch Einfluss auf die Finanzstabilität, und die makroprudenzielle Politik hat Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft. Um die Rolle der Geld- und makroprudenziellen Politik genauer zu definieren, sind eine Reihe von Punkten zu beachten, wie etwa die richtige Messung oder der Zusammenhang von Realwirtschaft, Finanzsektor, Vermögenspreisen und Inflation. Auch Fragen nach den Instrumenten, Vergleichsmaßstäben, Referenzregeln und Wechselwirkungen untereinander sind von Bedeutung.

Seit 2015 läuft das großangelegte Kaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB); der Leitzins liegt bei 0% und noch bis Ende 2018 sind Anleihekäufe vorgesehen. Eine Strategie zur Normalisierung der Geldpolitik hat die EZB nicht angekündigt, sie verharrt im Krisenmodus. Die niedrigen Zinsen und die demographische Entwicklung verstärken in Deutschland den Druck auf die Immobilienpreise. Bei den deutschen Banken können die gesunkenen Zinsmargen und die erhöhte Fristentransformation zu steigenden Risiken für die Finanzstabilität führen. Makroprudenzielle Instrumente wie höheres Eigenkapital und der antizyklische Kapitalpuffer sollen dieser Entwicklung gegensteuern. Doch komplexe Entscheidungsprozesse und der fehlende Einsatz von Instrumenten hemmen gleichzeitig deren Wirkung.

Um die Wirkung verschiedener Instrumente besser zu erfassen und Modelle zu vergleichen, haben die Forscher am Institute for Monetary and Financial Stability (IMFS) eine Online-Modelldatenbank, die Macroeconomic Model Data Base (MMB), mit mehr als 110 Modellen aufgebaut. Die frei zugängliche Software (www.macromodelbase.com) ermöglicht die vergleichende Analyse von Geld-, Fiskal- und makroprudenzieller Politik sowie die Ableitung robuster Referenzregeln für die Geld- und die makroprudenzielle Politik.

Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass die Geldpolitik die Risikoneigung der Wirtschaftsakteure und damit die Finanzstabilität beeinflusst. Das Zusammenspiel von unkonventioneller Geldpolitik und gesamtwirtschaftlichem Risiko ist allerdings ein noch kaum erforschtes Thema. Ein IMFS-Forscher hat mittels einer neuen empirischen Methode die Langzeiteffekte der Anleihekäufe auf die Inflationserwartungen identifiziert. Seine Arbeit legt anhaltende Effekte der Anleihekäufe sowohl auf die Inflationserwartungen als auch die Langfristzinsen nahe. Ein gesamtwirtschaftliches Modell mit dem Bankensektor legt die Wirkungskanäle offen. So könnten Anleihekäufe dazu führen, dass Unternehmen Investitionen tätigen, für die sie sonst keine Kredite erhalten hätten. Dadurch verändert die quantitative Lockerung das gesamtwirtschaftliche Risiko. Makroprudenzielle Maßnahmen wie etwa eine Erhöhung des antizyklischen Kapitalpuffers könnten den Übertreibungen im Finanzsystem entgegenwirken, die von der quantitativen Lockerung verursacht wurden.

Referenzregeln, aus denen sich Handlungsempfehlungen für Entscheidungsträger ableiten lassen, sind in der Geldpolitik bereits etabliert, wie etwa die Taylor-Regel. Üblicherweise sehen solche Regeln eine Reaktion auf Inflation und die Produktionslücke, also die Abweichung der Wirtschaftsleistung vom Potential, vor. Für die makroprudenzielle Politik existieren bisher weit weniger Erkenntnisse über Referenzregeln. In Forschungsarbeiten am IMFS wurde daher untersucht, wie eine optimale Referenzregel für makroprudenzielle Politik aussehen könnte, die den antizyklischen Kapitalpuffer, den Banken vorhaltenmüssen, als Reaktion auf eine Änderung der Kreditvergabe und der Produktionslücke anpasst.

Je nach Modell können diese optimalen Referenzregeln sehr unterschiedlich ausfallen.Die Forschungsarbeiten am IMFS zeigen jedoch, dass sich das sogenannte „Model-Averaging“ als Methode eignet, um aus mehreren, unterschiedlich gewichteten Modellen robuste Referenzregeln für die makroprudenzielle Politik abzuleiten. Die Wirkung makroprudenzieller Politik wird zusätzlich beeinflusst von den rechtlichen Rahmenbedingungen im Finanzsystem. Die Banken stehen in der Niedrigzinsphase vor einer Situation, in der sich im Neugeschäft nur niedrige Margen erzielen lassen, während gleichzeitig auf der Passivseite hochverzinsliche Altverträge als Belastung wirken.

Makroprudenzielle Instrumente sollen in bestimmten Anlageklassen wie bei Immobilien Preisblasen verhindern oder in hochbesicherten Kreditmärkten die Risiken eindämmen. Doch aufgrund der rechtlichen Restriktionen können Banken die schlechteren Rahmenbedingungen für das Aktivgeschäft in existierenden Einlagenbeziehungen nur schwer ändern: Das „Durchleiten“ an die Kunden ist kaum möglich. Deutlich wird dieses Dilemma am Beispiel der Sonderkündigungsrechte langlaufender Bausparverträge, deren Verzinsung derzeit über dem Marktniveau liegt. Die Finanzbranche sollte jedoch Risiken aus Altverträgen im Niedrigzinsumfeld, die aus Geldpolitik und allgemeiner Konjunkturentwicklung resultieren, weitgehend tragen.

Die Folien zum Vortrag (PDF, 730 KB)